Alexander Krohn

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  Wir Künstler sind ein lustiges Völkchen  
  Nachruf Jes Petersen  
     
  1.  
 

Ich fuhr mit Andreas Hansen und dem Verleger Peter Engstler mit der U-Bahn zu Jes Petersen. Peter hatte ein Tonbandgerät bei, um mit Jes Aufnahmen zu machen. Als wir am Reuterplatz die Stufen hinaufstiegen, meinte Peter Engstler: Das Schlimmste, was einem Verleger passieren könne, sei ein Bestseller. Ein Freund von ihm, ebenfalls Verleger, dem wäre das mal passiert. Ein Buch aus dessen Sortiment wurde von Jürgen von der Lippe im Fernsehen vorgestellt und drei Tage später hatte er 2000 Bestellungen am Hals! Das war das Schlimmste, so Peter, was dem in seiner gesamten Verlegerlaufbahn widerfahren wäre. Denn natürlich hatte er nicht genügend Exemplare auf Vorrat. Also mußte er eine Druckerei finden, die schnellstmöglich nachdruckt. Natürlich hatte er auch kein Geld. Also mußte er jemanden suchen, der welches vorschießt. Mit dem Druck der wartenden Kunden im Nacken und der Angst vor eventuellen Stornierungen überwachte er die Neuauflage. Zuguterletzt mußte er 2000 Umschläge kaufen und saß eine Woche im Zimmer, tütete ein und beschriftete. Ein Bestseller, meinte Peter Engstler, das ist die Hölle ...

 
 

2.

 
 

Der 1970 geborene Mann Robert Schalinski gründete 1991 Column One, ein Künstlerkollektiv, das in mehreren Sparten wie Aktion, Text, Ton, Bild, Theorie usw. unterwegs ist. Da Column One bei dem selben Label (Moloko+, Pretzien b. Magdeburg) verkehrte wie meine Band, standen wir Anfang oder Mitte der Neunziger auf einer Bühne. Kennen lernten wir uns aber erst 2003 in dem von Column One betriebenen (mittlerweile wieder geschlossenen) Club Sibirische Zelle und mehr und mehr verstand ich ihre Arbeit aufzunehmen. Einmal erzählte ich ihm die Anekdote, wie Anfang der 60er Franz Jung Jes Petersen besuchte, und kaum hatte Jung seinen Koffer abgestellt, klingelte es und Polizisten vollführten eine Hausdurchsuchung. Einer der Beamten nahm einen Picasso-Bildband aus dem Regal und kommentierte: Picasso ... Petersen, was sind Sie nur für eine alte Sau! Robert Schalinski grinste und meinte: Stimmt – Picasso, das ist ja auch übel ..

 
  3.  
 

Im Herbst 2004 machten wir uns auf den Weg nach Amman, Bethlehem, Ramallah, Damaskus und Beirut. Den Namen unserer Band entliehen wir einem Kapielski-Buch: AKTION KOHLENBERTA. Kohlenberta war demnach ein einfaches Kartenspiel, welches man Anfang der Neunziger in Jes Petersens Galerie zu spielen pflegte. Jes meinte aber, Kapielski hätte sich das nur ausgedacht ... Dann gibt es einen Text von Jes Petersen, der eine Reise in den Süden Deutschlands skizziert. Andreas Hansen war von dem Text nicht sehr begeistert. Er meinte, Jes hätte ihm erzählt, er wäre damals mit einem Gewehr eine Woche in Bayern herumgeirrt, um Franz Josef Strauß abzuschießen. Aber in der Skizze – keine Spur davon, „stattdessen macht er daraus `ne Saufgeschichte!“ Was die Sache mit Strauß anbelangt, meinte Thomas Kapielski, hätte Jes wohl ein bisschen übertrieben ...

 
  4.  
 

Jes war mit dem Maler Horst Janssen befreundet. Mein Stiefvater Willi Herzog kannte Horst Janssen ebenfalls. Er hatte ihn mal für eine Zeitung interviewt. Der Abend endete damit, daß Janssen sich betrunken vor eine Straßenbahn legte. Willi wiederum hat ein deutsches und ein englisches Gewehr aus dem 1. Weltkrieg unter seinem Bett zu liegen. Wenn er nicht mehr ist, werde ich die vielleicht erben. Eins geb ich Robert Schalinski und dann ziehen wir los und knallen alle ab.

 
 

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